Die Sendlinger Moschee

(von Leo Brux, Mitglied der Fraktion der Grünen im BA 6 Sendling, Juni 2011)

Der Plan des Sendlinger Moscheevereins Ditim, am Gotzinger Platz eine neue Moschee zu bauen, war das heißeste Thema in Sendling der letzten Jahre.Ich informiere zunächst kurz über die aktuelle Moschee und stelle dann die Argumente der Befürworter und der Gegner des Moscheebauprojekts gegenüber.

Informationsfragen

Wo ist die „alte“ Moschee?

Seit 1989 in der Schanzenbachstraße 1. Sie ist von außen als Moschee nicht erkennbar: eine „Hinterhof-Moschee“ in einem ehemaligen Möbellager, in einem „allgemeinen Wohngebiet“. Das Gebäude ist marode. Es müsste – teuer – renoviert werden.

Wer ist „Ditim“?

„Ditim“ steht für „Diyanet Isleri Türk Islam Merkezi“ (Türkisch Islamisches Gemeindezentrum München e.V.). Der Moscheeverein gehört dem Dachverband D.I.T.I.B. mit Hauptsitz in Köln an. Vereinsrechtlich unabhängig, wählen die Mitglieder ihren Vorstand selbst. Der Verein finanziert sich aus Spenden. Grundstück und Gebäude gehören dem Dachverband. Der Imam der Moschee wird von der türkischen Religionsbehörde ernannt und bezahlt. Die Moscheen des Dachverbands D.I.T.I.B.  steht für einen integrationsorientierten, eher liberalen Islam. 

Wie groß ist diese Sendlinger Moschee?

Die Moschee verfügt über zwei Gebetsräume, eine „Teestube“, einen Versammlungsraum, ein Wohn- und Bürogebäude, eine Küche, einen Kellerraum sowie über einen Buchladen

Wie viele Personen besuchen die Moschee?

Die Besucherzahl beim Freitagmittagsgebet liegt um ca. 400 Personen, bei den übrigen Gebeten um ca. 5 bis 50 Personen. Knapp die Hälfte der Besucher kommt mit dem Auto. Die Besucher kommen im Wesentlichen aus Sendling und den angrenzenden Stadtbezirken. Die Moschee bietet für sie zu wenig Platz und braucht einen größeren Gebetsraum sowie Räume für die Frauen und Räume für Kurse und andere Angebote.

Gibt es Probleme mit den Nachbarn?

Unmittelbare Nachbarn haben sich über Lärm und verparkte Straßen beschwert. Die örtliche Polizei, sowie die Stadt und Leute wie ich stellen demgegenüber fest, dass das anfallende Verkehrsaufkommen von den umgebenden Straßen aufgenommen werden kann. Auch die Lärmbelästigung wird als nur gering und vertretbar eingeschätzt.
(SZ-Bilder vom Tag der offenen Moschee)

Ist der Moscheeverein im Stadtviertel integriert?

Ja. Es gibt seit 2005 einen sehr aktiven gemeinsamen Arbeitskreis „Begegnung am Gotzinger Platz“ mit der katholischen Kirche St. Korbinian und der evangelischen Himmelfahrtskirche. Siehe www.gotzingerplatz.de

Pro & Contra

Was spricht für, was gegen den Gotzinger Platz?

Pro: Hier wäre die Moschee ins Viertel integriert. Die Kirche gegenüber zu haben wäre ein Zeichen der Gemeinsamkeit. Die Moschee wäre auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar.

Contra: Ein für das gewachsene Stadtviertel eher fremdartiges Gebäude entsteht. Für viele ist die Lage gegenüber einer Kirche eine Provokation. Verkehrs- und Lärmprobleme sind zu erwarten.

Was spricht für, was gegen die geplante Größe?

Pro: Das Gebäude ist deutlich kleiner als die gegenüberliegende Kirche. Die 41m hohen Minarette sind deutlich niedriger als die 55m hohen Kirchtürme. Eine Besucherzahl um 400 bis 500 Gläubigen zum Freitagsgebet stellt für den Ort kein Problem dar. Die Gebetsräume im 2. und 3. Stock umfassen zusammen 475qm – eine durchaus bescheidene Größe für ein Haus des Gebets.

Contra: Das Gebäude ist sowohl von seinem Äußeren her als auch von der Besucherzahl zu groß. Es sind bei weitem mehr Besucher zu erwarten als die angegebenen 400 bis 500. Hinzu kommen die Nutzer der zusätzlichen Einrichtungen eines Gebäudes, das ja auch Kulturzentrum sein will. Die Minarette sind entschieden zu hoch. Eine solche Moschee wird eine Zentralmoschee für München. Für Sendling ist das unzumutbar.

Was spricht für, was gegen die geplante Gestalt?

Pro: Eine Moschee ist – wie eine Kirche – durch ihre besondere und charakteristische Gestalt schön und interessant. Erdgeschoß und Parterre sind auf Offenheit hin angelegt. 

Contra: Kuppel, Minarette und eine orientalische Ornamentik an der Fassade sind für das gewachsene Stadtviertel Sendling fremde, eher störende Elemente. In der vorliegenden Form wirkt die geplante Moschee als Fremdkörper.

Was spricht für, was gegen das Vorgehen bei der Planung?

Pro: Sowohl das Anliegen selbst als auch seine Form und Umsetzung entsprechen dem, was gesetzlich gefordert ist. Die Bürger sind von Anfang an in die Diskussion einbezogen worden.

Contra: Es hätte von Anfang an ein Bebauungsplanverfahren geben müssen – wie es dann ja auch gerichtlich durchgesetzt wurde. Die Bürger sind von dem Vorhaben überrollt worden.

Dient das Projekt der Integration?

Pro: Ja. Die Muslime von Ditim sind integrationsorientiert und entschieden gegen jeden Islamismus und Fundamentalismus eingestellt. Mit einer repräsentativen Moschee mitten im gewachsenen Stadtviertel würden sie erfahren, dass sie als Bürger „dazugehören“. Die Angebote der Moschee werden dies bestätigen. Denn die neue Moschee wäre als Kulturzentrum offen für das ganze Stadtviertel. 

Contra: Das ist zweifelhaft. Der Moscheeverein ist von Entscheidungen des türkischen Staates abhängig, der Imam kommt aus der Türkei, die zu große Moschee kann zum Entstehen einer „Parallelgesellschaft“ führen. Manche argumentieren auch, dass der Islam grundsätzlich als problematisch und kaum integrierbar anzusehen sei. 

Wer waren die Befürworter, wer waren die Gegner?

Pro: Die Mehrheit im Bezirksausschuss 6 Sendling und im Stadtrat (SPD, Grüne, FDP, Linke), sowie die Bürgermeister der Stadt. Und, wenn man dem Ergebnis der Kommunalwahlen 2007 folgt, auch eine Mehrheit der Sendlinger Wähler.

Contra: Die Minderheit im Bezirksausschuss 6 Sendling und im Stadtrat (CSU), eine Mehrheit der Sendlinger Bürger bei den Bürgerversammlungen 2005, 2007 und 2008, sowie die Mitglieder der Initiative „Bürger für Sendling“.

Wie ist der aktuelle Stand?

Das Projekt ist gescheitert. Dem Moscheeverein fehlen die Mittel, das Projekt vollständig zu finanzieren, da der Dachverband DITIB, Köln, das Grundstück, auf dem die alte Moschee sitzt, nicht freigibt und es vorzieht, möglichst viele Spendengelder auf sein Zentralprojekt in Köln zu konzentrieren.

 

Über den Verlauf der Debatte und das Ende des Projekts informiert das MigrationsBlog, das ich für die InitiativGruppe schreibe:

DITIB hat den Schwarzen Peter
http://initiativgruppe.wordpress.com/2010/02/24/sendlinger-moschee-1-ditib-hat-den-schwarzen-peter/

Der geprügelte Moscheeverein
http://initiativgruppe.wordpress.com/2010/02/25/sendlinger-moschee-2-der-geprugelte-moscheeverein/

Autobiografisches
http://initiativgruppe.wordpress.com/2010/02/26/sendlinger-moschee-3-autobiografisches/

In Sendling ist das Minarett noch nicht gestorben
http://initiativgruppe.wordpress.com/2010/03/06/in-sendling-ist-das-minarett-noch-nicht-gestorben/

Die Sendlinger Moschee ist gestorben, aber nicht an ihren Gegnern
http://initiativgruppe.wordpress.com/2010/10/02/die-sendlinger-moschee-ist-gestorben-aber-nicht-an-ihren-gegnern/

Die Abwicklung eines Projekts
http://initiativgruppe.wordpress.com/2011/04/09/migrationsnachrichten-aus-bayern-8/

 

 

Freitag, 20. Oktober 2017
http://www.gruene-muenchen-sendling.de/themen/moschee/